Stille Zeit

Heute ist Montag. Ich sitze an meinem Schreibtisch und blicke nach draussen.
Gestern auf einer mehrstündigen Zugfahrt las ich in einem Brief von Hans Scholl an Rose Nägele:
„Man sollte mehr Zeit für sich selbst verwenden. Man sollte nichts Neues suchen. Die Eindrücke werden erst wertvoll, wenn sie langsam durch uns gedrungen sind und als geläuterte Bilder in unserem Innersten weiterwandern. Das braucht Zeit, sehr viel Zeit; und da klagen die Menschen über Langeweile.“
Über Langeweile klage ich eigentlich kaum, aber über die wenige Zeit, dabei haben wir alle dieselbe Zeit, nur nutzen wir sie unterschiedlich.
Oft sehne ich mich nach Stille Zeit, dem Zugang zur Stille, der Stille des Herzens. Ich halte mich zu gerne fest an den Erfahrungen anderer, an Filmen, Büchern, Zitaten und Musik.
Aber was passiert, wenn nichts ist?
Wenn keine Musik spielt und keine Worte gesprochen werden?
Um empfindsam für das Leid und die Freude des anderen zu sein, muss ich zulassen mich selbst wahrzunehmen. Hier sitze ich, vor einem leeren weissen Bidschirm und versuche meine Gedanken zu notieren, griffbereit neben mir liegen Aufzeichnungen von den Geschwistern Scholl, „Der dreifache Weg“ von Henri Nouwen, eine Bibel und „Das Glück in diesem Leben“ Von Papst Franziskus. Statt zuerst in mich hineinzuhören, abzuwarten und dann zu schreiben, suche ich nach den Gedanken der anderen. Wenn meine unruhigen Gedanken allmählich leiser werden und mein Herz zur Ruhe findet, fangen die Eindrücke der letzten Wochen an sich zu lichten, die wertvollen Ereignisse werden zu bedeutsamen Bildern.

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